Berufsstart

Welcome to the
Company

Wer seine erste Stelle in einem Unternehmen antritt, kommt sich nicht selten wie jemand vor, der zum erstenmal in ein fernes Land reist. Fremde Menschen, eine unbekannte Unternehmensstruktur und Hierarchien, die erst einmal durchschaut werden wollen. Neue Verständigungsformen, die erlernt werden müssen und ungewohnte Rituale, an die man sich vielleicht nur langsam gewöhnt. Jedes Unternehmen, ob klein oder groß, hat seine eigene Unternehmenskultur. Und wenn man sie nicht bereits als Praktikant oder Lehrling kennengelernt hat, bedeutet das meist fremdes Territorium.

Man muß sich also erstmal zurechtfinden. Und das kann länger dauern, je nach der Größe dieses sozialen Gefüges, dessen hoffentlich stolzes Mitglied man nun ist. Die Unternehmen, die sich ihrer Komplexität bewußt sind, lassen den Neuling deshalb in der Regel auch nicht allein. In Einführungsveranstaltungen wird die Firma den Rookies präsentiert. Bei Riesenunternehmen mit Dutzenden von Sparten, Tochtergesellschaften und Beteiligungen, ist das oft kein leichtes Unterfangen, denn vielleicht wurde gerade gestern in BrasiIien ein weiteres Unternehmen hinzugekauft und ein anderes in Indonesien abgestoßen.

Zuviel an Informationen soll anfangs sowieso nicht gut sein. Denn wer kann das schließlich schon alles aufnehmen und verdauen? Wichtig ist, daß man sich möglichst schnell in seinem unmittelbaren Umfeld zurecht findet. Wo ist also bitte mein PC und — sorry, muß aber auch sein — wo geht's zur Kantine? Wer sind meine Mitarbeiter und wem bin ich in der Firmenhierarchie zugeordnet? Wer sagt mir verbindlich, was und woran ich zu arbeiten habe und woher bekomme ich all die Informationen, die ich dafür benötige? Und wo... gemach, es wird sich alles finden.


Fragen kostet nichts

Das sollte man gleich von Anfang an beherzigen: Fragen kostet nichts und jeder wird Verständnis haben, wenn man anfangs viele Fragen stellt. Besonders clever sind diejenigen, die möglichst früh einen kundigen Kollegen aufspüren, dem es Spaß macht, den Neuling an die Hand zu nehmen. Vielleicht ist es ja der nette Kollege nebenan, wenn nicht, es wird sich sicher jemand finden. Am besten übrigens jemand, der auch dann noch geduldig bleibt, wenn man zum vierten Mal mit "Ach, jetzt habe ich doch schon wieder vergessen, wie man ..." ankommt.

Überhaupt die Kollegen und Mitarbeiter. Man sollte sich mit ihnen verstehen. Nicht nur deswegen, weil man sie braucht und mit ihnen zusammenarbeiten muß. Es macht einfach mehr Spaß, mit Menschen zusammenzusein, wenn Verständnis und eine gute Atmosphäre herrschen. Und als unsozialer Einzelkämpfer kann man sich die Karriere, die man sich ja vielleicht aufs Panier geschreiben hat, sowieso gleich abschminken. In Zeiten von Teamarbeit und hochspezialisierter Arbeitsteilung haben Muffelköpfe und unkommunikative Sonderlinge einfach keine guten Karten. Also bitte gleich vom Start an offen kommunizieren, Kontakte pflegen, Networking betreiben. Kurzum: ansprechen und ansprechbar sein.


Lehrbuchwissen ist nicht alles

Aber es läßt sich ja alles lernen. Zum Beispiel auch, daß ein Uni- oder FH-Studium nicht automatisch bedeutet, schlauer als der Rest der Welt zu sein. Wer die letzten Jahre mit der Nase in schlauen Büchern verbrachte, könnte leicht diesem Irrtum erliegen. Und häufig geschieht das auch. So manch alter Hase kann ein Liedchen von dem jungen Mitarbeiter singen, der mit Elan im Herzen und Lehrbuchwissen im Kopf die Firma umkrempeln wollte. Weil das alles nicht mehr zeitgemäß war und man das heute eigentlich alles ganz anders macht.

Doch stop! Auch diese Münze hat natürlich zwei Seiten. Denn warum wollen heute viele Unternehmen Absolventen mit möglichst guten bis sehr guten Noten? Sicherlich auch deswegen, damit etwas Wissenstransfer von der Uni in Richtung Unternehmen stattfindet. Das neueste theoretische Know How sollte unser Freshman also ruhig mitbringen. Und wie sieht es nun mit der Implementierung dieses Know How im Unternehmen aus? Jetzt wird es etwas vertrackt. Denn gut Ding — und manchmal eben auch ein neues — will Weile haben.

Und außerdem: Nicht alles, was sich theoretisch so flott liest, ist praktisch brauchbar. Oft ist der Vorteil des Neuen nicht so groß, daß es sich lohnen würde, das Alte gleich über Bord zu werfen. Umsetzungsprobleme, Umschulung der Mitarbeiter, ungewisse Folgekosten — erfahrene Profis haben schon häufig manch angeblich brillante neue Idee mir nichts dir nichts entzaubert.

Resignation ist dennoch nicht angesagt. Schon gar nicht, wenn auf das neugierige "Warum wird das denn so und nicht anders gemacht?" die berühmte WeiI-wir-es- schon-immer-so-gemacht-haben- Antwort kommt. In jedem modern geführten Unternehmen wird es jemanden geben, der sich gern Verbesserungsvorschläge anhört, ja sogar nach ihnen lechzt. Je fortschrittlicher das Unternehmen, umso rascher wird man ihn finden. Und wenn an dem superguten Vorschlag was dran ist, wird er aller Voraussicht nach umgesetzt. Auch wenn es nicht gleich morgen früh geschieht.

Doch es gibt auch das: Anfänger stellen immer häufiger verblüfft fest, daß ihr Uniwissen der Praxis hinterherhinkt. Vor allem in Bereichen mit rasantem Innovationstempo — wie z.B. in der Computer- und Informationstechnologie — passiert das ständig. Jetzt kann unser Rookie nur hoffen, daß seine Ausbildung gut genug war, um schnell den Anschluß zu finden.


Von den Routiniers
kann man einiges lernen

Dennoch geschieht es immer wieder: Der tatendurstige Neuling ist häufig enttäuscht, wenn nicht immer alles ruckzuck geht. Entscheidungsprozesse in großen Unternehmen haben leider so ihren Instanzenweg. Und — wer wollte es bestreiten? — manchmal ist er wirklich etwas zu lang und umständlich. Moderne Unternehmen haben natürlich längst erkannt, daß lange Entscheidungswege die Motivation der Mitarbeiter nicht gerade fördern und sie deshalb häufig schon abgekürzt. Stichwort: flache Hierarchien.

Noch ein Wort zur akademischen Ausbildung. Durch die zunehmende Akademisierung der mittleren Managementebene konkurrieren heute immer mehr Akademiker mit Nichtakademikern. Wer nun meint, Akademiker hätten dabei automatisch die besseren Karten, irrt sich. Jeder Mitarbeiter muß durch viele Nadelöhre und sich erst einmal in allen möglichen Aufgabenbereichen bewähren. Hochnäsigkeit gegenüber dem nichtstudierten Mitarbeiter könnte also fatal sein. Im übrigen gibt es viele Beispiele von Top-Managern, die belegen, daß man es auch ohne Studium bis ganz nach oben bringen kann, selbst in Weltfirmen. Clevere Berufsstarter versuchen, soviel wie möglich vom routinierten Praktiker zu lernen und dessen Vorsprung bei der praktischen Arbeit schnell aufzuholen.

Was macht nun einer, der gerade mühsam an der Uni gelernt hat, jede Frage und jedes Problem bis zur letztmöglichen Verästelung zu durchdenken, und der nun erfahren muß, daß die auf Effizienz und Tempo bedachten Praktiker bei solch wissenschaftlichem Verhalten zunehmend nervös werden und mit den Fingern — wenn anfangs auch noch fast unhörbar — auf den Tisch trommeln? Nun, entweder ist er erleichtert oder enttäuscht. Im letzten Fall hilft eine kühle Einsicht: Häufig ist eine schnelle 80prozentige Lösung besser als eine 100prozentige in sechs Wochen. Time is money — Business und Wissenschaft haben da so ihre unterschiedlichen Maßstäbe.

Da wir gerade von Effizienz und Tempo sprechen: Prioritäten setzen, einen Blick für das Wesentliche entwickeln und zur rechten Zeit das Richtige tun sind Themen, die eng damit verbunden sind. Während des Studiums, als Zeit noch nicht unbedingt ein knappes Gut war, konnte man gelegentlich schon mal kräftig herumtrödeln und so manches Pferd von hinten aufzäumen. In der Regel merkte es sowieso niemand und falls doch, ließ es sich ohne weiteres als akademische Freiheit verkaufen. In der Praxis sieht man das etwas enger. Umstandskrämer gelten nicht gerade als karriereverdächtig. Wer da so seine Schwächen hat und im Auswahlverfahren dennoch Tests und Assessment Center überlebte, sollte jetzt an sich arbeiten. Denn sonst wird es unweigerlich früher oder später auffallen. Spätestens dann, wenn man immer zwei Stunden später als die anderen nach Hause geht, und dennoch nicht mehr erledigt hat als sie.

Keine Frage übrigens: Die Wirtschaft braucht Strategen. Kühne Denker, die vom ökonomischen Feldherrenhügel weit in die Zukunft und ins Feindesland der Konkurrenz schauen. Ist man nicht gerade deshalb zur Uni gegangen und hat all die Seminare mit den esoterischen Themen über sich ergehen lassen? Die Kleinarbeit an der Front — oder wie es heute so schön heißt: das operative Geschäft — trüben doch nur den Blick für die großen Interdependenzen der nächsten Dekade.


Der lange Marsch
zum Feldherrenhügel

Hm, tja, wie sag ich's meinem Führungsnachwuchs, wird sich da wohl der eine oder andere Personalchef denken. Na, vielleicht so: Hat nicht auch Napoleon als Korporal angefangen? Und hätte er es wohl ohne diese Erfahrung geschafft? Ist die Botschaft rübergekommen? Die Chefs sehen es sehr, sehr gern, wenn die zukünftigen Vorstandsvorsitzenden auch einfach die Ärmel hochkrempeln und Basisarbeit leisten.

Bevor man eines Tages auf dem Feldherrenhügel anlangt, wird es noch durch so manches rauhe Gelände gehen. Vielleicht steckt der Karrierekarren auch gelegentlich mit dem einen oder anderen Rad im Schlamm. Manche sagen sogar, das würde erst die notwendigen Energien mobilisieren, um eines Tages in die Führungsetage einziehen zu können. Wie dem auch sei. Mit dem Abschlußexamen hat das Lernen jedenfalls nicht aufgehört. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Wäre es sonst nicht auch langweilig?

(aus WISU 10/97)