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Prüfungsassistent, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer — Jan Hinderer hat den klassischen Weg zum Bilanz-fachmann beschritten. Dass er einmal Jahresabschlüsse auf ihre Hieb- und Stichfestigkeit abklopfen würde, war dem 31-Jährigen allerdings nicht in die Wiege gelegt. Ein Praktikum bei Ernst & Young zeigte ihm, wie interessant der WP-Beruf sein kann. Dem Unternehmen ist er bis heute treu geblieben. Ernst & Young Vom Praktikanten Wirtschaftsprüfer? Was ist denn das? In der neunten Klasse unseres Wirtschaftsgymnasiums hatte ein Klassenkamerad „Steuerberater und Wirtschaftsprüfer" als Berufswunsch an die Tafel geschrieben und damit großes Rätselraten ausgelöst. Unter Steuerberater konnten wir uns ja noch etwas vorstellen, doch was ein Wirtschaftsprüfer machte, überforderte schlichtweg unsere Phantasie. Auch der Klassenkamerad, der sich in diesen Beruf verliebt zu haben schien, wusste es offenbar nicht. Ich nahm an, es müsse etwas sehr, sehr Langweiliges sein.
Als ich in Jena Internationales Management studierte, war mein zweiter Studienschwerpunkt „Steuern und Rechnungslegung". Später bewarb ich mich dann bei einigen WP-Gesellschaften für ein Praktikum und entschied mich — nach mehreren Vorstellungsgesprächen — für meinen heutigen Arbeitgeber. Es war ausgerechnet im Frühjahr, eine „Busy Season" für Wirtschaftsprüfer, als ich meine Praktikantenstelle bei Ernst & Young in Stuttgart antrat. Es wurde auch gleich ernst: Ein Kollege teilte mir mit, dass ich in den nächsten Wochen vor Ort bei einem Mandaten arbeiten würde. Ich sollte bei Saldenbestätigungen und bei der Prüfung von Forderungen helfen. Mein Hotelzimmer sei bereits gebucht. Auf der Fahrt zum Mandanten erfuhr ich dann Näheres über das Unternehmen, das wir prüfen sollten, und die dortigen Ansprechpartner. Ich war tief beeindruckt vom geballten Wissen des Kollegen. Und er hatte sogar noch die Geduld, mir alles in Ruhe zu erklären. Allein das Anfordern und Sortieren der vielen Informationen war schon eine Herausforderung. Wie bei einem Anfänger nicht anders zu erwarten, waren die Kollegen dann auch nicht immer glücklich mit meiner Arbeit. Mit dem Fachchinesisch der Prüfer hatte ich anfangs auch so meine Schwierigkeiten. Ich erinnere mich noch gut an einen Satz, der mir große Rätsel aufgab: „Fordern Sie bitte eine Debitoren Offene-Posten-Liste und eine Saldenliste an." Nach einem Blick ins WP-Handbuch wusste ich zwar, dass es um das Prüfungsgebiet „Forderungen aus Lieferungen und Leistungen" ging. Was es mit den zwei Listen auf sich hatte, war mir jedoch nach wie vor schleierhaft. Zum Glück nahm man sich Zeit, dem jungen Kollegen auf die Sprünge zu helfen. So kannte ich schon bald sämtliche Prüfungshandlungen, bei denen die beiden Listen eine Rolle spielen. Bis zum Ende des Praktikums erfuhr ich dann noch einiges mehr über Bilanzpositionen und Prüfungshandlungen. Auf diese Weise mutierte der — bis dahin ziemlich abstrakte — Jahresabschluss Schritt für Schritt zu einem äußerst lebendigen und „sprechenden" Zahlenwerk, das viel über ein Unternehmen und seine wirtschaftliche Situation aussagt. Nach diesem lehrreichen Praktikum war ich fest entschlossen, das Studium möglichst rasch hinter mich zu bringen und mich bei einer WP-Gesellschaft zu bewerben. Es waren nicht nur die vielfältigen Aufgaben und täglich neuen Herausforderungen, denen man sich als Wirtschaftsprüfer gegenübersieht, mich reizte auch der Kontakt zu interessanten Mandanten und nicht zuletzt der Teamgeist, der unter den Prüfern herrscht. So bewarb ich mich dann gegen Ende des Studiums wieder bei Ernst & Young. Und schaffte es tatsächlich, den Job zu bekommen. Doch nicht nur das. Ich landete auch noch in jenem Prüfungsteam, das ich bereits aus dem Praktikum kannte. Was mir den Einstieg natürlich enorm erleichterte. Diesmal war es Herbst, als ich in Stuttgart anfing. Während der ersten Monate jagte eine Schulung die andere. Dabei ging es nicht nur um die Methoden und Instrumente, die man als Prüfer braucht. Ich lernte auch die Kollegen in Deutschland und Österreich kennen, die mit mir angefangen hatten. Allmählich sehnte ich dann den Tag herbei, an dem ich wieder zu einem Mandanten rausfahren würde. Diesmal nicht als Praktikant, sondern als Prüfungsassistent. Ich musste mich jedoch noch etwas gedulden. Denn obwohl ich seit dem Praktikum eine Menge dazugelernt hatte, gab es noch Wissenslücken, die geschlossen werden mussten. Das regelmäßige Feedback, das ich von meinem Vorgesetzten und einem Partner von Ernst & Young bekam, half mir, sie zu schließen. Meine Aufgaben nahmen dann nach und nach an Umfang und Verantwortung zu. Bis ich schließlich fest zum Prüfungsteam gehörte. Nach drei Jahren hatte ich eine gewisse Routine erlangt. Dass ich noch längst nicht alles wusste, wurde mir spätestens in dem Moment klar, als man mich zum Prüfungsleiter ernannte. Denn damit kamen völlig neue fachliche und organisatorische Herausforderungen auf mich zu. Ich war jetzt der erste Ansprechpartner für Mandanten und Teammitglieder, mit denen regelmäßig betriebswirtschaftliche, steuer- und handelsrechtliche Fragen zu besprechen waren. Damals meldete ich mich auch zum Steuerberaterexamen an. Bei der Vorbereitung wird man von Ernst & Young nach Kräften unterstützt, etwa durch Zeitkonten, die man ansparen kann, bezahlten Sonderurlaub und finanzielle Hilfe. Nachdem ich die Prüfung erfolgreich hinter mich gebracht hatte, befasste ich mich vor allem mit den IFRS und großen Konzernabschlüssen. Hinzu kamen verschiedene Beratungsprojekte, bei denen es um Rechnungslegung und Prozessoptimierung ging. Vor einem halben Jahr legte ich dann auch das WP-Examen ab. Und es ist noch gar nicht lange her, dass ich zum ersten Mal einen Abschluss testierte. Hätte ich damals nicht das Praktikum gemacht, hätten mich die beiden Examina wahrscheinlich vom Wirtschaftsprüferberuf abgehalten. Durch die jahrelange Praxiserfahrung relativieren sie sich jedoch. Obwohl sie nicht einfach sind, haben sie mir nie die Freude an diesem Beruf genommen.
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