|
|
Die Deutsche Bundesbank ist auch nach dem Ende der D-Mark eine bedeutende geldpolitische Institution mit wichtigen Aufgaben, zu denen beispielsweise die Abwicklung des Zahlungsverkehrs und die Bankenaufsicht gehören. Für den gelernten Volkswirt Jakob Orthacker, 28, Grund genug, eine Karriere als Notenbanker ins Auge zu fassen. Deutsche Bundesbank Karrierestart Gegen Ende meines VWL-Studiums an der LMU München hatte ich mich gegen eine Promotion und für den Einstieg ins Berufsleben entschieden. Da ich mehrere Praktika im öffentlichen Dienst absolviert hatte, wusste ich die dortigen Arbeitsbedingungen und Perspektiven zu schätzen. Ich war jedoch unschlüssig, für welche Tätigkeit ich mich bewerben sollte.
Meiner Online-Bewerbung folgte eine Einladung zu einem schriftlichen Test. Angesichts der vielen Bewerber machte ich mir jedoch wenig Hoffnungen, den zweiten Teil des Auswahlverfahrens, das Assessment Center, zu erreichen. Umso überraschter und glücklicher war ich, als es dann doch klappte. Nachdem auch die Hürde AC genommen war, trat ich am 1. Oktober 2007 mit 14 weiteren Neueinsteigern meinen ersten Arbeitstag in der Bundesbank-Zentrale in Frankfurt am Main an. Bereits am Vortag waren wir vom Ausbildungsleiter per E-Mail über den Programmablauf und die wichtigsten Aufgaben während der nächsten zwölf Monate informiert worden. Als alle Formalitäten erledigt waren, ging es ins malerische Eltville am Rhein, wo sich das Ausbildungszentrum der Bundesbank befindet. Während eines dreiwöchigen Lehrgangs stellte man uns die Organisationsstruktur und die Geschäftsfelder der Bundesbank vor. Abends konnten wir das üppige Freizeitangebot des Ausbildungszentrums nutzen — neben einer Weinstube gehören auch ein Billardzimmer und eine Kegelbahn dazu. Ein Abend war dem Besuch eines Vorstandsmitglieds und anderer hochrangiger Mitarbeiter der Bundesbank vorbehalten, mit denen wir ausführlich über aktuelle Wirtschaftsthemen diskutieren konnten. Danach wurden wir auf verschiedene Filialen verteilt, um im Laufe von sechs Wochen das Bargeldgeschäft kennenzulernen. Ich kam nach Nürnberg und erlebte dort gleich meinen ersten kleinen Praxisschock. Hatte ich eben noch in klimatisierten Besprechungsräumen über Geldpolitik diskutiert, prüfte ich nun die Echtheit und Umlauffähigkeit von Banknoten, indem ich in großen Metallbehältern angelieferte Geldbündel in eine riesige Maschine legte. Nicht ohne zuvor spezielle Sicherheitsschuhe angezogen zu haben. So lernte ich das Filialgeschäft von der Pike auf kennen. Und dazu gehört nun einmal auch das Bargeld-Recycling. Nach diesem „Fronteinsatz" folgte eine so genannte Infophase in Leipzig, um einen Einblick in die Arbeit einer Hauptverwaltung der Bundesbank zu gewinnen. Während der fünf Wochen erfuhr ich viel über die in den neun Hauptverwaltungen angesiedelte Filialsteuerung und die Bankenaufsicht. Dann stand wieder Eltville auf dem Programm. Diesmal in Form eines Lehrgangs, bei dem es um Themen wie „Zahlungsverkehr" und „Innere Dienste" ging, wozu unter anderem das Controlling zählt. Fachleute stellten bestimmte Themen aus ihrem Arbeitsgebiet vor. An ihren Vortrag schloss sich meist eine Diskussion oder eine Gruppenaufgabe an, die von den Lehrgangsteilnehmern gemeinsam gelöst wurde. Da wir uns die nächste Station aussuchen konnten, entschied ich mich für die Bankenaufsicht der Hauptverwaltung München. Mit Bankenaufsicht hatte ich mich während des Studiums kaum befasst. Da es sich um eine Praxisphase handelte, war zudem Projektarbeit angesagt, die später bewertet werden würde. Ich entschied mich für ein Thema, bei dem es um das Liquiditätsmanagement von Banken und dessen bankaufsichtliche Einordnung ging. Gleichzeitig arbeitete ich im Tagesgeschäft der Abteilung mit, die dieses Thema fachlich betreute. Da damals gerade die Finanzkrise ausbrach — anfangs wurde noch von „Finanzmarktturbulenzen" gesprochen —, war mein Projektthema plötzlich von brennender Aktualität. Bei einem weiteren Lehrgang in Eltville drehte sich alles um die Themen Geldpolitik und Personalführung. Während uns Experten der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank geldpolitische Zusammenhänge vermittelten, machten uns externe Trainer mithilfe von Rollenspielen mit dem Einmaleins der Mitarbeiterführung vertraut. Im April 2008 stand die zweite Infophase an, diesmal in der Frankfurter Bundesbankzentrale, wo man sich gezielt über die dortigen Tätigkeiten und Aufgabenfelder informieren konnte. Ich entschied mich für die Zentralbereiche Kommunikation, Märkte und Controlling. In der zweiten Praxisphase im Zentralbereich Controlling wählte ich wieder ein Projektthema. Diesmal ging es um die Frage, welchen Nutzen die Einführung eines neuen Controlling-Instruments für die Steuerung der Bundesbank haben würde. Diese zwei Monate im Controlling halfen mir, eine ganze Reihe von Wissenslücken auf diesem Gebiet zu schließen. Am Ende war mir jedoch klar, dass meine berufliche Zukunft bei der Bundesbank eher in einem der Kerngeschäftsfelder liegen würde. Anschließend ging es wieder einmal nach Eltville. Diesmal standen die Themen „Internationales" und „Bankenaufsicht" auf der Tagesordnung. Wir erfuhren viel Neues und Interessantes über die Zusammenarbeit der Bundesbank mit dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank sowie über die Rolle der Bundesbank im europäischen Einigungsprozess. Da die Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehmann Brothers gerade so richtig in Fahrt kam, wurde in den Veranstaltungen besonders heftig diskutiert. Praxisphase Nummer drei führte mich dann in den Zentralbereich Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme. Das klang zwar nicht besonders aufregend, doch hinter dieser nüchternen Bezeichnung verbarg sich zu meiner Überraschung eine Abteilung, deren Mitarbeiter unter großem Zeitdruck und mit viel Engagement die Vollendung des europäischen Binnenmarktes vorantreiben. Mein neues Projekt befasste sich dann auch mit einem dazu passenden Thema: dem europaweiten Wertpapierabwicklungssystem Target2-Securities, das die Bundesbank mit drei anderen Notenbanken des Eurosystems entwickelt. Nach einem weiteren Lehrgang absolvierte ich die vierte und letzte Praxisphase in Hamburg, wo ich mich mit brasilianischer Handelspolitik beschäftigte. Da sich das Programm dem Ende zuneigte, beobachtete ich gleichzeitig aufmerksam die interne Stellenbörse der Bundesbank. Noch von Hamburg aus bewarb ich mich für eine Position in der zentralen Bankenaufsicht. Nachdem ich die Zusage erhalten hatte, dort arbeiten zu können, war damit auch mein Wunsch erfüllt, in einem Kerngeschäftsfeld der Bundesbank tätig zu sein, das unmittelbar mit der Aufarbeitung der Finanzkrise befasst ist. Meine Arbeit bei der Bankenaufsicht sollte noch in der Schlussphase des Programms beginnen. Zu meinen heutigen Aufgaben zählt unter anderem die Information des Bundesbankvorstands über aktuelle Entwicklungen auf den Bankenmärkten sowie die Koordination mit der BaFin, der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, die gemeinsam mit der Bundesbank für die Bankenaufsicht in Deutschland zuständig ist. Außerdem werte ich Erkenntnisse und Berichte aus, die die Aufsicht über die Landesbanken betreffen. Wenn ich heute zurückblicke, so war das Einstiegsprogramm eine große Hilfe — auch wenn der Weg dadurch etwas länger war. Ich habe in dieser Zeit nicht nur viel Neues erfahren und viel gelernt. Es hat mir auch geholfen herauszufinden, welche Tätigkeit mir am meisten liegt und wo ich mich folglich am besten einbringen kann. Die vielen Stationen haben außerdem meinen Blick für das Funktionieren des „Organismus" Bundesbank geschärft. Nicht zuletzt konnte ich ein persönliches Netzwerk aufbauen, von dem ich bis heute bei meiner täglichen Arbeit profitiere.
|
||||
|