Studienreport

Gesundheitsmanager werden

Im Vergleich zu manchem anderen Industrieland — etwa den USA, wo sich trotz „Obamacare“ Millionen keine Krankenversicherung leisten können — ist die Gesundheitsversorgung in Deutschland ausgesprochen gut. Da fast jeder krankenversichert ist, haben alle Menschen Zugang zu hochwertigen Gesundheitsdienstleistungen und Medikamenten.

Die gute Gesundheitsversorgung hierzulande wirkt sich nicht nur positiv auf die Lebenserwartung, die Kindersterblichkeit und die Lebensqualität aus. Auch ihr ökonomischer Aspekt ist nicht zu vernachlässigen: Der Gesundheitssektor hat sich längst zu einer wichtigen Säule der deutschen Wirtschaft entwickelt. Laut der gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Bundeswirtschaftsministeriums erzielte er im Jahr 2016 einen Umsatz von 336 Mrd. Euro. Das sind rund zwölf Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland.

In den letzten Jahren war die Branche ein regelrechter Wachstumstreiber für die deutsche Wirtschaft: Seit 2005 ist ihre Bruttowertschöpfung von 223 Mrd. Euro um mehr als 50 Prozent gestiegen. Weil die Gesundheitswirtschaft in den letzten Jahren häufig stärker als die Gesamtwirtschaft wuchs, hat ihr Anteil an der Bruttowertschöpfung seit 2005 von 10,7 auf die genannten zwölf Prozent zugelegt. Auch an den Export-erfolgen der deutschen Wirtschaft hat die Gesundheitswirtschaft einen nicht unerheblichen Anteil, ist sie doch für 8,2 Prozent der deutschen Ausfuhren verantwortlich. Zu den Exportschlagern zählen Medikamente, Medizinprodukte und -technik.

Vor allem aber ist der Markt rund um die Gesundheit ein beachtlicher Jobmotor. Jährlich kommen in der Gesundheitswirtschaft 1,6 Prozent neue Stellen hinzu, deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft. 2016 haben im Gesundheitssektor erstmals über sieben Millionen Menschen gearbeitet. Damit verdient mittlerweile fast jeder sechste Erwerbstätige sein Geld mit der Gesundheit. Seit 2005 sind insgesamt 1,1 Millionen Jobs in der Branche entstanden, davon 0,3 Millionen in stationären Einrichtungen — vor allem in Krankenhäusern — und 400.000 in nicht-stationären Einrichtungen wie Pflegeunternehmen und Arztpraxen.

Die Branche wird meist in einen Kernbereich sowie die erweiterte Gesundheitswirtschaft unterteilt. Zum Kernbereich gehören etwa medizinische und pflegerische Dienstleistungen, die Herstellung von und der Handel mit Arzneimitteln und nicht verschreibungspflichtigen Präparaten, die Produktion und der Vertrieb von Medizintechnik sowie individuelle Gesundheitsleistungen. Zur erweiterten Gesundheitswirtschaft, die kleiner als der Kernbereich ist, aber mehr wächst, gehören Dienstleistungen und Produkte, die im weiteren Sinne mit Gesundheit zu tun haben, etwa Wellness, gesunde Nahrung, Sportbekleidung sowie Studien- und Ausbildungslehrgänge für Berufe in der Gesundheitswirtschaft.

Die meisten Menschen, die in der Gesundheitswirtschaft tätig sind, arbeiten in klassischen Berufen — als Ärzte, Apotheker, medizinische und zahnmedizinische Fachangestellte, Physiotherapeuten oder Pflegekräfte. Es gibt zudem Masseure, Diätassistenten, Techniker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und IT-Experten. Nicht zu vergessen all diejenigen, die in organisatorischen und leitenden Positionen arbeiten: die Gesundheitsmanager.

Wie in vielen anderen Branchen ließ sich auch in der Gesundheitswirtschaft in den letzten Jahren eine Akademisierung des Managements beobachten. Dass sich etwa eine Krankenschwester über die Oberschwester zur Leiterin des Pflegebereichs oder zur Gesamtpersonalmanagerin hocharbeitet, ist kaum noch vorstellbar. Solche Positionen erfordern meist ein Hochschulstudium.

Der Grund ist, dass auch in der Gesundheitswirtschaft die Aufgaben viel komplexer geworden sind und ebenso wie in anderen Branchen betriebswirtschaftliche Kenntnisse voraussetzen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft schwieriger geworden sind. So stehen die Krankenhäuser seit Jahren unter massivem Kosten- und Wettbewerbsdruck, den sie unter anderem durch Fusionen, Spezialisierung auf bestimmte Fachgebiete oder das Outsourcing von Dienstleistungen zu entschärfen suchen. Die Manager von Krankenhäusern oder Krankenhauskonzernen müssen deshalb viel stärker gewinnorientiert handeln als in der Vergangenheit — und das in einer personal- und kostenintensiven Branche. Auch mit dem Fachkräftemangel müssen sich Gesundheitsmanager befassen: Nach Schätzungen werden im Jahr 2030 in der Branche über 600.000 Fachkräfte fehlen. Eine gewaltige Zahl.

Auch die Digitalisierung ist ein wichtiges Thema in der Gesundheitsbranche. Dies zeigt sich etwa beim Ausbau der digitalen Infrastruktur von Krankenhäusern, dem besseren Austausch von Patienten- und Behandlungsdaten, der digitalen Unterstützung von klinischen Studien und dem Einsatz von Big Data zur Verbesserung von Diagnose- und Therapieverfahren. Auf diesem Gebiet tummeln sich mitt-lerweile auch etliche eHealth-Start-ups.

Die Gesundheitswirtschaft bietet also jede Menge spannende Betätigungsfelder für Fach- und Führungskräfte. Und: Ein Ende des überdurchschnittlichen Wachstums ist wegen der demografischen Entwicklung nicht so schnell zu erwarten.

Wer hier Karriere machen möchte, kann sich durch verschiedene spezialisierte Studiengänge dafür qualifizieren. Oft heißen sie „Gesundheitsmanagement“, manchmal auch „Management und Ökonomie im Gesundheitswesen“, „Healthcare Management“ oder ähnlich. Ihnen allen ist gemein, dass sie interdisziplinär sind: Nicht nur BWL-Wissen, auch medizinische und technische Grundlagenkenntnisse werden vermittelt.

Die Carl Remigius Medical School, die Niederlassungen unter anderem in Frankfurt, Hamburg und München betreibt, hat den Bachelor-Studiengang Gesundheit und Management für Gesundheitsberufe im Angebot. Im viersemestrigen Fernstudium — pro Semester kommen zwölf Präsenztage hinzu — lernen die Teilnehmer die betriebswirtschaftlichen Basics sowie die Grundlagen des Managements. Außerdem erfahren sie, wie die Gesundheitswirtschaft organisiert ist und welche Besonderheiten — etwa in Sachen Führung, Qualitätsmanagement, Controlling und Marketing — ein gesundheitswirtschaftliches Unternehmen mit sich bringt.

Ebenfalls ein Fernstudium ist das MBA-Programm mit der Vertiefung Gesundheits- und Sozialwirtschaft der Hochschule Koblenz. Die Studenten erwerben spezifische Kenntnisse über den Gesundheits- und Sozialmarkt. Dazu zählen etwa Sozialmarketing und -recht, Qualitäts- und Personalmanagement, aber auch Finanzierung und Controlling. Die Regelstudienzeit beträgt fünf Semester, das letzte Semester ist der Master-Arbeit vorbehalten.

Ein Vollzeit- und Präsenzstudium Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen bietet die Hochschule Neu-Ulm. Im sieben Semester dauernden Studium wird die Betriebswirtschaftslehre mit Blick auf das Gesundheitswesen behandelt. Ergänzend werden Kenntnisse in Medizin, Pflege und Therapie vermittelt. Im vierten Semester absolvieren die Studenten ein Praktikum in einem Unternehmen der Gesundheitsbranche. Auf Wunsch lassen sich das Praxissemester oder ein Studiensemester auch im Ausland absolvieren.

Die Nordakademie in Hamburg startet im Herbst 2018 ein berufsbegleitendes Master-Programm zu Healthcare Management. Während des zweijährigen Studiums wechseln sich Selbststudien- und Präsenzphasen ab. Neben den Pflichtmodulen zu betriebs- und gesundheitswirtschaftlichen Fächern gibt es Wahlmodule, etwa zu Krankenhaus- und Facility Management oder Global Health. Optional können die Studenten an einer Exkursion nach China, Russland oder in die USA teilnehmen.

Verwandt mit der Gesundheits- ist die Sozialbranche. Hier bietet die Northern Business School in Hamburg den Bachelor-Studiengang Management Soziale Arbeit an. Das Studium kann in Vollzeit oder aber berufsbegleitend absolviert und zusätzlich mit der staatlichen Anerkennung als Sozialarbeiter oder -pädagoge kombiniert werden.

All dies zeigt, dass die Gesundheitswirtschaft ein weites Tätigkeitsfeld ist. Da sie auch eine ganze Reihe von Besonderheiten aufweist — schließlich handelt es sich bei der Gesundheit nicht um eine Ware im herkömmlichen Sinn —, bietet es sich auf jeden Fall an, schon im Vorfeld eines Studiums durch Praktika oder andere Tätigkeiten Erfahrungen zu sammeln.

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