Studienreport Tourismusmanagement

Eine dynamische Branche

"Der Sommer war sehr groß", heißt es im bekannten Herbst-Gedicht von Rainer Maria Rilke. Das trifft ganz besonders auf den Sommer 2018 zu, der alle Rekorde brach. Auch die Deutschen konnten sich in diesem Jahr über ungewöhnlich schöne und heiße Monate freuen — abgesehen von den Landwirten, die wegen der langen Trockenperiode Einbußen bei der Ernte erlitten. Und während man sonst oft vor verregneten Sommern ans Mittelmeer oder in andere Regionen mit Schönwettergarantie flüchtete, konnte man im vergangenen Sommer auch in der Heimat knackig braun werden.

Über das gute Wetter freut sich auch die deutsche Tourismusbranche — die ohnehin seit Jahren wächst: Bereits seit 2010 steigt die Zahl der Übernachtungen in Deutschland kontinuierlich. Allein im ersten Halbjahr 2018 gab es hierzulande nach Angaben des Statistischen Bundesamts 214 Mio. Übernachtungen. Davon entfielen knapp 40 Millionen — fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum — auf Gäste aus dem Ausland. Bei den Übernachtungen von Einheimischen gab es ein Plus von vier Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet der Deutsche Tourismusverband mit einem Zuwachs von vier Prozent im Vergleich zu 2017.

Auch weltweit brummt der Tourismus. Im letzten Jahr unternahm die Menschheit nach Angaben der Welttourismusorganisation UNWTO über 1,3 Mrd. Auslandsreisen. Der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr war der stärkste seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise vor rund zehn Jahren. Bei etwas mehr als der Hälfte der Auslandsurlaube war Europa das Reiseziel — was auch damit zusammenhängt, dass Armut, Kriminalität und Terroranschläge hier ein vergleichsweise kleines Problem sind.

Den weltweiten Spitzenplatz belegte Frankreich: Fast 87 Mio. ausländische Touristen wurden dort im vergangenen Jahr gezählt. Die Top-Destination ist Paris, wo geschätzte 300.000 Jobs von den Besuchern abhängen, die sich zu jeder Jahreszeit durch Sacré-Coeur oder den Louvre drängen, den Eiffelturm besteigen oder das besondere Flair des Quartier Latin erleben wollen. Kein Wunder, dass in keiner anderen Stadt der Welt so viele Airbnb-Quartiere angeboten werden wie in der französischen Hauptstadt.

Womit wir beim Thema "Overtourism" sind. Viele beliebte Reiseziele wie Venedig, Dubrovnik oder Mallorca werden mittlerweile von solchen Touristenmassen heimgesucht, dass die Einheimischen zunehmend genervt sind, weil die Infrastruktur überlastet ist und die Immobilienpreise und Mieten in die Höhe schießen. An manchen Orten hat die Verwaltung bereits gegengesteuert, um die schlimmsten Auswüchse zu stoppen. Venedig beispielsweise hat den riesigen Kreuzfahrtschiffen vor einiger Zeit verboten, unmittelbar durch das historische Zentrum der Stadt zu schippern. In Paris müssen Airbnb-Vermieter neuerdings eine Bettensteuer entrichten, und der Bürgermeister von Dubrovnik hat die Zahl der Tagesgäste in der Altstadt limitiert.

Die Touristen hält der Overtourism natürlich nicht vom Reisen ab — sie suchen sich einfach andere Ziele, die nicht so überlaufen sind. Wovon es — gottseidank — immer noch unzählige gibt. Die Tourismusbranche kann also getrost in die Zukunft blicken. Sie wird auch weiterhin gute Geschäfte machen. Zumal Dauertrends wie nachhaltiger Tourismus, Senioren- oder Kulturreisen die Möglichkeit bieten, jenseits vom Massentourismus eine sehr kaufkräftige Klientel anzusprechen.

Das sind auch für diejenigen gute Nachrichten, die nach dem Studium den Berufseinstieg in die bunte Welt des Tourismus planen. Denn der Personalbedarf in der Tourismusindustrie ist ungebrochen hoch. Und da auch in dieser Branche die Aufgaben ständig komplexer werden, wird immer häufiger eine Hochschulausbildung, am besten mit entsprechender Spezialisierung, verlangt. Nicht zuletzt wird die Branche zunehmend von internationalen Konzernen dominiert, deren Manager betriebswirtschaftliches und branchenspezifisches Wissen benötigen.

Lies das Interview mit Prof. Hans Rück von der Hochschule Worms zur Internationalität der Tourismuswirtschaft, zur Serviceorientierung, die man mitbringen sollte, und dass bei aller Reisefreude stets die betriebswirtschaftlichen Aspekte beachtet werden müssen. Weiter ...

Wer sich für diesen Wirtschaftssektor interessiert und dort Karriere machen möchte, findet heute an zahlreichen Hochschulen spezielle Tourismus-Studiengänge. Hat man vor dem Studium praktische Erfahrungen erworben, beispielsweise durch eine Berufsausbildung zur Reisefachwirtin bzw. zum Reisefachwirt, erhöht das die beruflichen Chancen nochmals.

Internationalität ist ein wesentliches Merkmal der Reisebranche. Deswegen sollte man gut Englisch sprechen und am besten gleich noch eine ande-re Fremdsprache beherrschen. Außerdem sind Auslandserfahrungen nützlich, die man bereits während des Studiums sammeln kann — etwa durch Praktika und Studiensemester im Ausland. Oder man absolviert gleich das ganze Studium im Ausland — etwa in der Schweiz, wo es viele erstklassige Hotelfachschulen und Hochschulausbildungen gibt.

An der Università della Svizzera Italiana (USI) in Lugano kann man beispielsweise den Master of Arts in International Tourism machen. Das zweijährige Programm, das komplett auf Englisch unterrichtet wird, bereitet die Teilnehmer auf Tätigkeiten in Tourismuskonzernen, bei Reiseveranstaltern, im Regions- und Destinationsmarketing sowie im Konferenz- und Eventmanagement vor.

Im Bachelorstudiengang Tourism & Event Management der privaten International School of Management (ISM) wird Internationalität ebenfalls groß geschrieben. Ein Semester verbringen alle Studenten im Ausland, beispielsweise an einer der zahlreichen ISM-Partnerhochschulen. Teilnehmer der „Global Track“-Variante des Studiengangs verbringen noch ein weiteres Semester im Ausland.

Die Tourismusbranche bietet auch deshalb vielfältige Berufsmöglichkeiten, weil der Reisemarkt sehr facettenreich ist. Je nach Alter, Interessen, Geldbeutel und zur Verfügung stehender Zeit gibt es unterschiedliche Ferienangebote — vom Wochenendtrip nach Mallorca zum Discountpreis über die Mittelmeerkreuzfahrt bis zur Exklusivreise nach Australien mit Koala-Watching, vom gediegenen Kultururlaub für gutsituierte Ruheständler über den Familienurlaub mit Kinderbespaßung bis zur Abiturientenreise zum Binge Drinking an der Costa Brava.

Ein schnell wachsender Zweig ist der Öko- bzw. Nachhaltigkeitstourismus für gestresste, aber umweltbewusste Großstädter. Dabei achten die Veranstalter darauf, dass die Kunden mit der Bahn statt mit dem Flugzeug reisen, in klimaneutralen Hotels wohnen und veganes Essen von Demeter-Bauernhöfen gereicht bekommen. Für diesen sanften Tourismus gibt es immer mehr spezielle Studiengänge.

Etwa das Bachelorstudium nachhaltiger Tourismus der Hochschule Rhein-Waal, bei dem allgemeines betriebswirtschaftliches Wissen sowie Themen wie Klimawandel, demografischer Wandel, unternehmerische Sozialverantwortung, interkulturelles Management und internationale Beziehungen vermittelt werden. Teil des Studiums, das in Vollzeit oder berufsbegleitend absolviert werden kann, ist auch ein Praxis- oder Auslandssemester.

An der Hochschule Heilbronn kann man einen Master in nachhaltiger Tourismusentwicklung machen. Die Absolventen des Studiengangs finden dort Betätigungsfelder, wo nachhaltige Tourismusprojekte organisiert werden, also etwa die Entwicklung von Resorts und Freizeitparks oder bei staatlichen Stellen, deren Aufgabe es ist, die Wirtschaft der Region anzukurbeln, und die deshalb auch nachhaltige Tourismusprojekte planen.

Gleich einen ganzen Strauß an Touristik- und Verkehrsstudiengängen hat die Hochschule Worms im Programm. Dazu zählen die Bachelorstudiengänge in Tourism and Travel Management bzw. International Tourism Management, ein MBA-Programm in Business Travel Management und mehrere Programme für die Luftverkehrsbranche. Damit dürfte sie die Hochschule mit dem umfassendsten Angebot sein.

Wer bereits in der Tourismusbranche arbeitet und parallel dazu eine akademische Ausbildung machen möchte, kann ein Fernstudium absolvieren. Die SRH Fernhochschule beispielsweise bietet die Bachelorprogramme Hotel- und Tourismusmanagement sowie Betriebswirtschaft und Management mit der Spezialisierung Hotellerie und Tourismus an.

Die Praxis spielt bei vielen Tourismusstudiengängen eine bedeutende Rolle. Was sich auch daran zeigt, dass vor allem Fachhochschulen, bei denen die Praxisorientierung und die Vernetzung mit der Wirtschaft eine größere Rolle spielen als an den Universitäten, entsprechende Studiengänge anbieten.

So bietet die IUBH, die jeweils einen Campus in Bad Honnef, Bad Reichenhall und Berlin betreibt, den Bachelorstudiengang Internationales Tourismusmanagement an, bei dem die Studenten ein einsemestriges Praktikum im In- oder Ausland absolvieren. Internationale Erfahrungen sammeln sie außerdem während der zwei Auslandssemester. Die IUBH führt außerdem den Masterstudiengang International Hospitality Management durch, der auf Führungsaufgaben im Hotelwesen vorbereitet. Außerdem gibt es ein duales Bachelorprogramm Tourismuswirtschaft.

Schon dieser — nicht vollständige — Überblick zeigt: Wer sich durch ein Bachelor- oder Masterstudium auf eine Karriere in der Tourismusbranche vorbereiten will, kann sich nicht über mangelnde Auswahl bei den Studienangeboten beklagen.

© wisu1018/1070