Wirtschaftsrecht studieren

Zwischen Recht und Wirtschaft

Die Wirtschaft besteht aus zahllosen Rechtsbeziehungen — ob Mitarbeiter eingestellt, Materialien bestellt, Produktionsstätten gebaut, Lieferverträge vereinbart, Steuerberater beauftragt, Kredite aufgenommen oder Werbeanzeigen geschaltet werden, um nur einiges zu nennen. Stets werden Verpflichtungen eingegangen und Rechte erworben. Und dabei kann vieles schiefgehen. Nicht ohne Grund sind die Gerichte gut ausgelastet.

Juristen, insbesondere Wirtschaftsjuristen, haben also gut zu tun. Zumal Wirtschaftsrecht ein sehr weites Feld ist. Auf der juristischen Seite fängt es mit dem Bürgerlichen Recht an, geht weiter über Handels- und Gesellschaftsrecht, Wertpapierrecht, Wettbewerbs- und Kartellrecht, Urheber- und Patentrecht sowie Steuer- und Bilanzrecht. Auch das Wirtschaftsstrafrecht und das Wirtschaftsverwaltungsrecht wie das Gewerberecht gehören dazu. Auf der wirtschaftlichen Seite kommen mehr oder weniger alle BWL-Fächer hinzu, die Grundlagen der VWL nicht ausgenommen.

Für angehende Wirtschaftsjuristen gibt es also viel zu lernen und später viel zu tun. Man findet sie in Rechts- und Personalabteilungen großer Firmen, in großen Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen, Behörden, Verlagen und im Journalismus, in Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden wie auch in NGOs und sogar in der Politik. Einige entdecken ihre Vorliebe für Steuern und werden Steuerberater oder auch Wirtschaftsprüfer. Ihr interdisziplinäres Studium eröffnet ihnen zahllose berufliche Möglichkeiten.

Dieser interdisziplinäre Ansatz ist es auch, was den Studiengang Wirtschaftsrecht vom klassischen Jurastudium unterscheidet, bei dem man sich fast ausschließlich mit rechtlichen Themen befasst. Zwar müssen Jurastudenten an einzelnen Universitäten noch einen BWL-Schein erwerben, die Regel ist es jedoch nicht. So haben die meisten klassisch ausgebildeten Juristen nie etwas mit Kosten- und Leistungsrechnung, Personalwesen, Marketing oder Logistik zu tun gehabt.

Allerdings: Nur „Volljuristen“ können Anwalt oder Richter werden. Auch einige Beamtenlaufbahnen setzen dies voraus. Volljurist ist man, wenn man ein Jurastudium an einer Uni und die Referendarzeit beim Staat absolviert hat. Ersteres endet mit dem ersten juristischen Staatsexamen, Letzteres mit dem zweiten juristischen Staatsexamen.

Der Studiengang Wirtschaftsrecht wird dagegen vor allem von Fachhochschulen, die sich heutzutage zunehmend Hochschulen nennen, angeboten. Einige wenige Unis haben diesen Studiengang ebenfalls im Angebot. Volljurist wird man dabei aber nicht, Anwalt oder Richter kann man danach also auch nicht werden. Übrigens: Viele Anwälte, die sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert haben, nennen sich ebenfalls Wirtschaftsjurist. Es ist also keine exklusive Berufsbezeichnung für Leute, die den Studiengang Wirtschaftsrecht absolviert haben.

Während ein Volljurist trotz seines langen Unistudiums und der zweijährigen Referendarzeit sowie zwei schwieriger Staatsexamina mit hoher Durchfallquote merkwürdigerweise keinen akademischen Titel auf seine Visitenkarte drucken kann, erwerben Absolventen, die den Studiengang Wirtschaftrecht an einer FH oder Uni absolvieren, einen Bachelor- oder Master-Titel. Vor der Bologna-Reform war es der Diplom-Titel, mit oder ohne Klammerzusatz FH, je nachdem, wo man ihn erwarb.

Der Studiengang Wirtschaftsrecht sorgt durch die Kombination von Rechts- und Wirtschaftswissenschaft also für eine echte interdisziplinäre Ausbildung. Ebenso wie dies etwa bei Wirtschaftsinformatikern, Wirtschaftsingenieuren oder Wirtschaftsmathematikern der Fall ist. Damit befähigt er die Absolventen, als Mittler zwischen den Welten tätig zu sein. Managern können sie erklären, was rechtlich möglich ist und was nicht, was unbedingt beachtet werden sollte, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Juristen erläutern sie, wie betriebliche Vorgänge ablaufen, welche wirtschaftlichen Folgen neue Gesetze und Verordnungen haben können — und was sich so alles aus einer Bilanz ablesen lässt.

Wirtschaftsrecht kann man hierzulande als eigenständiges Studienfach an rund 50 Fachhochschulen und dualen Hochschulen sowie an einigen Unis studieren. Man kann die Abschlüsse Bachelor of Laws (LL.B.) und Master of Laws (LL.M.) auch berufsbegleitend oder per Online-Studium erwerben.

Daneben ist es übrigens oft möglich, sich im Rahmen eines BWL-Studiums auf Wirtschaftsrecht zu spezialisieren, so wie man es auch durch Schwerpunktfächer wie Wirtschaftsinformatik, Wirtschafts- oder Finanzmathematik oder auch Wirtschaftsgeografie ergänzen kann.

Ein Pionier bei dieser Ausbildung ist die Universität Osnabrück. Als erste Hochschule führte sie im Wintersemester 2001/02 den Studiengang Wirtschaftsrecht ein. Das sechssemestrige Studium schließt mit dem Bachelor of Laws ab. In den ersten zwei Jahren wird Grundlagenwissen vermittelt, danach wählt man einen der vier Profilbereiche Steuern, Arbeit und Personal, Unternehmen und Banken sowie öffentliche Verwaltung.

Auch die FOM Hochschule für Oekonomie & Management bietet einen Studiengang Wirtschaftsrecht an. Er findet — wie alle Studiengänge dieser Hochschule — berufsbegleitend statt und dauert sieben Semester. Die Studiengebühren belaufen sich auf insgesamt 12.690 Euro. Auch die Studenten der FOM können zwischen verschiedenen Profilbereichen wählen. Zur Auswahl stehen Verträge, Medienrecht und Human Resources. Das Studium an der FOM hat den Vorteil, dass man deutschlandweit zwischen 15 Studienorten wählen kann. Zudem ist ein Repetitorium in das letzte Semester integriert. Auch für Interessenten an einem Master hat die FOM etwas zu bieten: den Studiengang Unternehmensrecht und Mergers & Acquisitions. M&A sind in der Regel die Domäne von Investmentbanken, Consultingfirmen und großen Anwaltskanzleien. Hier geht es vor allem um Gesellschafts-, Kapitalmarkt-, Wettbewerbs- und Insolvenzrecht sowie um Compliance. Auch Finance und Steuerrecht können eine wichtige Rolle spielen.

Die SRH Heidelberg steht dem in nichts nach. Auch hier kann man einen Bachelor-Studiengang Wirtschaftsrecht absolvieren. Wer nach dem Bachelor noch den Master draufsetzen möchte, kann dies mit dem Studiengang Internationales Wirtschafts- und Unternehmensrecht tun.  Schließlich kann man sich im Bachelor-Studiengang Sozialrecht und im Master-Studiengang Sozialrecht diesem sehr komplexen und in der Praxis enorm bedeutenden Rechtsgebiet widmen. Mit Sicherheit eine krisensichere Berufsentscheidung, da Sozialrechtsexperten immer gefragt sein werden. Alle drei Ausbildungsprogramme werden vollzeit studiert, die monatlichen Studiengebühren liegen bei 670 Euro.

Zu den privaten Hochschulen, die Wirtschaftsrecht im Angebot haben, gehört auch die Internationale Hochschule Bad Honnef (IUBH), ein Spezialist für Fernstudiengänge. Innerhalb des sechssemestrigen Bachelor-Studiums kann man sich auf Immobilienrecht, kollektives Arbeitsrecht oder Unternehmensrecht spezialisieren. Die Gebühren belaufen sich auf 11.983 Euro. Der große Vorteil des Fern- bzw. Online-Studiums an der IUBH ist, dass man an keine festen Termine gebunden ist, sondern jederzeit loslegen kann. Zudem lässt sich das Studium bei Bedarf auf acht oder zwölf Semester strecken. Prüfungen werden an den über 30 Studienzentren der IUBH abgelegt.

Dagegen ist das Wirtschaftsrecht-Studium an der Hochschule Fresenius ein Präsenzstudium. Es dauert sechs Semester, in denen man sich auf internationales Wirtschaftsrecht, Personalrecht, Medienrecht sowie M&A-Recht spezialisieren kann. An Gebühren fallen 27.000 Euro an. Zur Auswahl stehen die Studienorte Köln, Hamburg und München. Der Clou des Wirtschaftsrecht-Studiums der HS Fresenius: Studenten können in New York oder Shanghai ein Auslandssemester einlegen.

Weitere staatliche Universitäten, die Wirtschaftsrecht im Programm haben, sind Erlangen-Nürnberg und Kassel. In Bochum und Siegen kann man deutsches und europäisches Wirtschaftsrecht studieren. An der Uni Bielefeld gibt es einen Studiengang Recht und Management, an der Uni Frankfurt/Oder heißt er Recht und Wirtschaft, in Potsdam Recht der Wirtschaft, und in Mannheim kann man sich zum Unternehmensjuristen ausbilden lassen. Dazu kommen viele weitere Angebote an FHs und Dualen Hochschulen.

© wisu1016/1070