Studienreport

Das besondere Studium

Je näher das Abi rückt, desto größer wird meist die Nervosität. Was soll ich bloß studieren? Was Papa und Mama beruflich machen, interessiert nicht, und was die beiden besten Freunde oder Freundinnen vorhaben, klingt auch nicht so prickelnd. Natürlich hat man längst das Web durchstreift, vielleicht war man auch schon beim Berufsberater, und Onkel Thomas hat natürlich auch seinen Senf dazugegeben.

Also vielleicht irgendwas mit Medien. Doch wenn man das sagt, fangen die meisten an zu lachen. Irgendwie scheint es das Signal zu sein, dass ein ahnungsloser Doofie vor einem steht. Also dann halt irgendwas mit Wirtschaft. „Typisch, wer nichts wird, wird Wirt“, sagt daraufhin einer. Er hat wohl was verwechselt. Allerdings: Gibt es nicht genug BWLer? Möglich, aber verhungert dürfte noch keiner sein. Und darum geht es ja auch: Dass man später nicht als Hungerkünstler endet.

Lies das Interview mit Prof. Mario Schmidt von der Hochschule Pforzheim zum Studiengang "Ressourceneffizienz-Management und Life Cycle & Sustainability". Weiter ...

Das ist doch schon mal ein Anfang: Es soll seinen Mann oder seine Frau ernähren, nicht einfach nur nackte BWL sein und natürlich Spaß machen! Noch was? Da zur Zeit alle die Welt retten wollen — vielleicht sollte man sich da anschließen und auch ein bisschen mitretten. Denn nach dem, was man alles so hört, braucht der Planet in der Tat Hilfe. Und die Menschheit auch. Umwelt, Klima, Kriege, Flüchtlinge, Armut, Hunger und dann noch das verflixte Coronavirus. Okay, die Botschaft ist angekommen. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln, damit nicht alles vor die Hunde geht. Also warum nicht studientechnisch auch in diese Richtung denken?

Fangen wir doch einfach mal mit der Umwelt an. Was haben die Hochschulen da so im Angebot? Einfach mal die Angel auswerfen ... und was haben wir da? Den Studiengang „Umweltethik“ der Uni Augsburg. Wow. Doch keine Sorge, viele andere wussten bis zu diesem Moment auch nicht, dass es das gibt. Es steht sogar auf der Website der Universität: „einzigartig in Deutschland“. Und worum geht es dabei?: „Das Kernanliegen des Masterstudiengangs Umweltethik ist die Vermittlung der normativen Kompetenz mit Blick auf die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit.“ Das Kriterium „die Welt retten“ dürfte also erfüllt sein. Aber es ist ein Masterstudiengang. Kann man sich ja für die Zeit nach dem Bachelor vormerken.

Lies das Interview mit Prof. Jochem Müller von der Hochschule Ansbach zum berufsbegleitenden MBA-Studiengang "Kreatives Management". Weiter ...

Mal weitergucken. Was haben wir denn da? „International Business mit dem Schwerpunkt nachhaltiges Management“, ein Bachelorstudiengang der Fresenius Hochschule in Heidelberg. Kriterium Weltrettung erfüllt, international klingt nach Spaß und Business, jedenfalls nicht nach Hungertod. Schon mal nicht schlecht. Und worum geht es genau? Man lernt, „wie Unternehmen wirtschaftliche Ziele verfolgen und dabei ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung gerecht werden“. Perfekt, genau das ist doch das Thema, das alle interessiert. Kommt auf jeden Fall auf die Liste.

Und was haben wir da? „Mensch und Umwelt — Psychologie, Kommunikation, Ökonomie“, wieder ein Bachelorstudiengang, diesmal von der Uni Koblenz Landau. Langweilig klingt das nicht. Doch wie geht das alles zusammen? „Aktuelle Entwicklungen, wie der Klimawandel oder zunehmende soziale Ungerechtigkeit, fordern uns heraus, den Umgang mit Ressourcen im lokalen wie globalen Maß zu hinterfragen und die Zusammenwirkung unterschiedlicher Systeme zu reflektieren. Der Studiengang vermittelt daher Grundlagenwissen der Umwelt-, Natur- und Sozialwissenschaften. Dabei ist die Interdisziplinarität schon im Bachelor Grundprinzip des Studiengangs.“ Falls man es nicht so richtig versteht, kann man ja die Profs bei der Einführungsveranstaltung fragen. Kommt jedenfalls auch auf die Liste.

Weiter, diesmal geht es zur OTH Regensburg, OTH steht für Ostbayerische Technische Hochschule. Sie bietet den Studiengang „Interkulturalitätsmanagement“. Ein kleiner Zungenbrecher, doch man ahnt, worum es geht. Falls nicht, hilft die Beschreibung der Hochschule weiter: „Globalisierung, Internationalisierung, transnationale Vernetzung: Menschen vielfältiger Branchen arbeiten interkulturell und international zusammen. In alltäglichen Kontexten, in regionalen Betrieben, sozialen Einrichtungen oder kommunalen Behörden etwa, treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Hier sind Menschen gesucht, die interkulturelle Problemlagen erkennen, kultursensibel agieren und wertvolle Impulse und Lösungen entwickeln.“ Wer gern mit Menschen unterschiedlicher Kulturen arbeitet, dafür sorgen will, dass sie in unterschiedlichen Settings harmonisieren und gute Leistungen erzielen und somit auch noch etwas zur Völkerverständigung beiträgt, sollte sich diesen Studiengang genauer ansehen. Am Ende steht zwar ein Masterabschluss, aber da auch nach dem Bachelor viel gerätselt wird, was man als nächstes studieren soll, erweitern wir den Fischzug jetzt einfach. Kleine Zwischenbilanz: Erstaunlich, auf was man so alles stößt.

Schauen wir mal, was Deutschlands Hochschulen noch so an Besonderem zu bieten haben. Wie wäre es beispielsweise mit „International Development Studies“ der Uni Marburg. Auch hier hilft ein Blick auf die offizielle Beschreibung des Studiengangs weiter: „Der Studiengang beschäftigt sich mit den Ursachen, Auswirkungen und Rahmenbedingungen von wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Entwicklung, wobei der Schwerpunkt in der Wechselwirkung von Institutionen und Entwicklungsprozessen im regionalen und internationalen Kontext liegt.“ Es geht also um Entwicklungshilfe und Entwicklungszusammenarbeit, ein wichtiges Thema internationaler Politik und Wirtschaftspolitik. Auch das klingt nach Gutes tun, nach Internationalität und ist garantiert alles andere als öde. Gut möglich, dass man nach diesem Studium bei internationalen Organisationen im Ausland arbeitet und einen ganz neuen Blick auf die Welt bekommt.

Lies das Interview mit Prof. Klaus Gourgé von der Hochschule Nürtingen zum berufsbegleitenden MBA-Studiengang "Zukunftstrends und nachhaltiges Management". Weiter ...

Eine kleine, aber feine Hochschule ist die Leuphana Universität in Lüneburg. Sie beweist, dass das Thema Nachhaltigkeit inzwischen auch bei den MBA-Studiengängen angekommen ist. So bietet sie den „MBA Sustainability Management“. Folgerichtig wird man nicht etwa in Marketing, sondern in Nachhaltigkeitsmarketing, nicht in Finance, sondern in Sustainable Finance und nicht in Kommunikation, sondern in Nachhaltigkeitskommunikation ausgebildet. Es ist ein berufsbegleitender Studiengang. Doch da immer mehr Bachelor erwägen, den Master während ihrer Berufstätigkeit zu erwerben, schließlich verdient man dann schon Geld, sollte man bereits früh die Augen nach solchen Studiengängen aufhalten.

In der heutigen Unternehmenswelt ist Compliance ein immer wichtigeres Thema. Auch Compliance hat letztlich mit Nachhaltigkeit zu tun. Es ist ein interdisziplinäres Fach, bei dem BWL und Recht zusammenfließen. Die Rheinische Fachhochschule in Köln bietet den Studiengang „Compliance and Corporate Security“, der mit einem LL.M. (Master of Laws) abgeschlossen wird. Die Fachhochschule: „Das Konzept des Masters beruht auf der Prämisse, dass zum einen Compliance nicht von Security zu trennen ist, und zum anderen, dass juristische und betriebswissenschaftliche Kenntnisse verzahnt werden müssen, um eine compliance- und sicherheitsadäquate Unternehmensführung zu gewährleisten.“ Auch dies ein eher ungewöhnliches Studium. Wer auf diesem immer wichtigeren Gebiet Expertise erwirbt, braucht sich um seine berufliche Zukunft — wie bei den anderen Studiengängen auch — keine Sorgen zu machen.

Lies das Interview mit Prof. Andreas Mann von der Universität Kassel zu den beiden berufsbegleitenden MBA-Studiengängen "General Management" und "Markt- und kundenorientiertes Management". Weiter ...

Zuletzt ein Studiengang, an den nur wenige denken, wenn sie auf der Suche nach interessanten und ungewöhnlichen Studienmöglichkeiten sind. Die Leibniz Universität in Hannover bietet ihn. Er heißt schlicht und ergreifend „Wirtschaftsgeografie“, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als ziemlich komplexe Angelegenheit. Die Uni: „Die Wirtschaftsgeografie in Hannover konzentriert sich auf die Schnittmenge von Wirtschaftswissenschaften und Geografie, erforscht und lehrt also das Ökonomische im Raum und das Räumliche in der Wirtschaft. Im Zentrum der Lehre steht die Regionalentwicklung in Ländern unterschiedlichen Entwicklungsstandes. Globale Prozesse wie Umweltveränderungen, Migration und die Digitalisierung der Wirtschaft betreffen Regionen aller Länder, Effekte dieser Prozesse können regional jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.“ Auch hier handelt es sich wieder um einen Masterstudiengang.

Damit endet dieser kleine Ausflug in die Welt ungewöhnlicher Studiengänge. Man könnte ihn stundenlang, ja tagelang, fortführen, und man wird immer noch Neues und Ungewöhnliches entdecken. Damit wird auch klar, warum der Wunsch, „etwas mit Wirtschaft zu studieren“, gar kein so schlechter Wunsch ist. Auf welche Weise er in Erfüllung geht, hängt von einem selbst ab. Allerdings: Die Auswahl ist groß und damit nicht leicht.

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