Die Frage, ob man Leadership lernen kann, wird sehr unterschiedlich beantwortet. Klar ist zumindest, dass nicht nur in den Unternehmen, sondern überall talentierte Leader gefragt sind.
Der besondere Studiengang
Es gibt zahllose Bücher zu Leadership, vor allem in den USA. Was damit zu tun hat, dass hier viele einmal Unternehmer werden wollen. Und um als solcher erfolgreich zu sein, sollte man was von Leadership verstehen. Hinzu kommt, dass erfolgreiche Unternehmensführer in den USA schon immer so etwas wie Kultstatus hatten. Je größer der Konzern, den sie führten, desto größer die Verehrung. Ein Paradebeispiel ist Jack Welch, der 20 Jahre lang General Electric leitete, das einst sogar als das erfolgreichste Unternehmen der Welt galt. Bis die Begeisterung für Konglomerate erlosch und GE zerlegt wurde. In seiner Blütezeit hielt es von Atomkraftwerken über Düsentriebwerke und Kühlschränke bis zu Finanzprodukten und Fernsehsendern ein extrem buntes Angebot bereit.
Es gibt wohl kaum ein schillernderes Thema als Leadership, allein deshalb, da es in alle Lebens- und gesellschaftlichen Bereiche hineinreicht. Denn Führung ist nicht nur in Unternehmen gefragt, sondern unter anderem auch in der Politik, im Militär, im Sport, im Krankenhaus, in der Kirche, im Kulturverein. Kurzum überall, wo Menschen zusammenkommen und eine Organisation entsteht, die strukturiert, verwaltet — und eben geführt werden muss.
Oft beginnt die Diskussion schon dort, was Leadership überhaupt ist. Führung natürlich, doch gehört auch Management dazu? Für manchen eine eigentümliche Frage, vor allem, wenn sie an die Top-Manager großer Unternehmen denken. Da soll es nicht um Leadership gehen? Richtiger dürfte deshalb sein, Leadership schon weiter unten anzusiedeln. So kann man etwa gelegentlich hören, dass jemandem bereits in jungen Jahren Führungsqualitäten zugesprochen werden, weil es ihm gelingt, dass die Jugendfußballmannschaft unter ihm als Kapitän öfters Siege verbucht. Auch im Middle Management — und manchmal schon darunter — ist Leadership gefragt.
Die Vinzenz Pallotti University in Vallendar hat sich die Parole „Höhere Bildung für eine höhere Berufung“ aufs Banner geschrieben. Bei ihr kann man den Masterstudiengang „Sustainable Leadership“ mit verschiedenen Studienschwerpunkten absolvieren. Prof. Peter J. Weber, Vizepräsident und Studiengangsleiter, erläutert, wie Leadership an seiner Universität verstanden wird. Weiter ...
Welche Aspekte beim Leadership aufkommen können, zeigt bereits ein kurzer Blick auf einschlägige Literaturlisten: „Die 5 Rollen der Führungskraft“, „Start with why — How great leaders inspire everyone to take action“, „Endlich Führungskraft, was nun?“, „Fragen, die führen“, „New Leadership“, „Dare to lead“, „Moderne Führung mit Humor“, „Leadership — die 21 wichtigsten Führungsprinzipien“, „The AI-driven Leader“, „Quiet Leadership“, „Plötzlich sind Sie Führungskraft“, „Heartwork Leadership“, „The Blueprint of Leadership“ und als kleiner Trost „Führung für absolute Anfänger“.
Das ist nur ein winziger Auszug einer ellenlangen Liste, die zudem Jahr für Jahr erweitert wird. Denn längst haben sich nicht nur Management-Gurus und Managementtrainer auf das Thema gestürzt, es gibt auch eine Managementwissenschaft, in der sich nicht nur Organisations- und Human-Resources-Spezialisten ein Stelldichein geben, sondern auch Psychologen, Soziologen und selbst Philosophen. Denn angesichts der gewaltigen Probleme, die auf die Menschheit zukommen, vom Klimawandel über autoritäre Politiksysteme bis zur künstlichen Intelligenz, dürfte auch bei der Führungskultur kaum noch ein Stein auf dem anderen bleiben.
War der klassische Leader früher jemand, der oben auf dem Hügel stand und die Befehle nach unten reichte, leben wir längst in einer anderen Welt. Viele Menschen wollen zwar auch heute noch geführt werden, allein schon, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen, hat der Wunsch nach Mitsprache doch stark zugenommen. Partizipative Führung und Führungsteams statt einsame Entscheider sind heute überall anzutreffen. Auch deshalb, weil Führungsaufgaben derart komplex geworden sind, dass sie von einem Einzelnen kaum noch zu bewältigen sind. Zudem sind die Forderungen der Stakeholder enorm gestiegen. Alle Teile der Gesellschaft stellen Ansprüche verschiedenster Art.
Unter New Leadership versammelt sich inzwischen alles, was weit weg vom alten hierarchischen Command & Controll-Konzept ist. Mit der Forderung nach ganzheitlichem Denken fing es bereits vor Jahren an. Heute umspannt es Nachhaltigkeit, DEI — was für Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Inklusion steht —, außerdem Compliance, Agilität, Vertrauen, Empathie, Eigenverantwortung und die schon erwähnte Partizipation.
An der Hochschule Koblenz gehören Management, Führung und Innovation zu einem runden und modernen BWL-Studium, das den Anforderungen der Wirtschaft gerecht wird. Deshalb wird genau solch ein Bachelorstudiengang angeboten. Prof. Fee Steinhoff ist sich sicher, dass er einen fit für die heutige Berufswelt macht. Weiter ...
Vom New Leader wird also viel verlangt. Oft scheint es, also ob er übernatürliche Kräfte aktivieren müsse. Und davon, dass er unternehmerisches Talent und ausgezeichnete betriebswirtschaftliche Kenntnisse haben und Visionen entwickeln muss, war noch gar nicht die Rede. Schnelle Auffassungsgabe, strategisches Denken, ausgezeichnete Communication Skills, Verhandlungsgeschick, Menschenkenntnis, Berufserfahrung, Durchsetzungskraft, durchaus auch Machtwille, Gestaltungswille, die Fähigkeit, andere zu begeistern und zu motivieren, Stressresistenz und hohe Belastbarkeit gehören auch dazu. Internationale Erfahrung, Charme und Humor sind mit Sicherheit gute Ergänzungen.
Man kann in vieles hineinwachsen und sich vieles aneignen. Die Aufzählung lässt jedoch ahnen, dass Leadership nicht jedermanns Sache ist. Wer in diese Richtung strebt, muss einige Grundvoraussetzungen erfüllen, wozu auch der Wille und das Verlangen gehören, eines Tages eine solche Position einnehmen zu wollen. Je höher man auf der Karriereleiter steigt, desto mehr von den genannte Qualitäten werden abgerufen. Hinzu kommt, dass die Luft immer dünner und rauer wird, je höher man klettert. In angespannten wirtschaftlichen Zeiten, wenn die Zahlen nicht stimmen, werden Manager, insbesondere Top-Manager, schon mal schnell ausgetauscht. Dann sind auch Nehmerqualität und die Kraft gefragt, sich wieder aufrichten zu können.
Der jungen Generation wird oft nachgesagt, dass sie nicht mehr so an Führungspositionen interessiert sei, was mit den gestiegenen Anforderungen zu tun haben mag. Oft wird auch Work-Life-Balance und einem erfüllenden Familienleben der Vorzug gegeben. Denn klar ist, dass Leadership in den höheren Etagen der Unternehmen alles andere als ein Nine-to-Five-Job ist. Wer jedoch das Verlangen verspürt, eigene Visionen zu realisieren, zu gestalten und dafür zu kämpfen, kann in Führungspositionen durchaus Erfüllung für sich finden.
Mit dem Aufkommen der New Economy Ende des letzten Jahrhunderts stieg auch die Zahl der Entrepreneure steil an. Viele wie Steve Jobs oder Bill Gates wurden später zu regelrechten Legenden, zumal wenn sie sich nicht nur als Innovatoren, sondern auch als gute Geschäftsleute erwiesen. Später folgten Leute wie Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Elon Musk und viele andere, deren gemeinsames Merkmal ist, dass sie alle bei null anfingen und schnell in ihre Leadership-Rolle hineinwuchsen. Was sie allerdings nicht davor bewahrte, immer wieder äußerst umstrittene Entscheidungen zu treffen.
Damit entstand ein neuer Typ von Leader, der viel Enthusiasmus, Begeisterung und Veränderungswillen ausstrahlt und nicht selten bereit ist, radikal neue Produkte und Geschäftsmodelle auf den Markt zu bringen. Sie alle, wenn auch oft umstritten, wurden so zum Vorbild vieler junger Menschen, die ihnen nacheiferten. Auch später werden sich noch einige an ihnen orientieren, weil sie Wirtschaftsgeschichte schrieben, indem sie demonstrierten, welche enorme Wucht neue Ideen entwickeln können, die sogar Großkonzerne zu Fall oder zumindest in große Bedrängnis bringen können.
Diese geradezu organische Verbindung von Entrepreneurship und Leadership haben mittlerweile auch viele Hochschulen entdeckt, die früher noch Fachhochschule genannt wurden. Immer mehr bieten gefragte Studiengänge an, in die auch Praktiker ihr Wissen und ihre beruflichen Erfahrungen einfließen lassen. Die Studiengänge firmieren jedoch nicht immer unter Leadership, sondern tragen stattdessen oft die Bezeichung Management im Titel. In der Regel vermitteln sie zugleich solide BWL-Kentnisse. Ein weiteres Beispiel für die starke Praxisorientierung dieser Hochschulen, während sich bei den klassischen Universitäten Studiengänge mit Management — geschweige denn Leadership — im Namen immer noch selten finden.
Leadership-Training bieten auch viele Business Schools in ihren MBA-Programmen an, in denen die Teilnehmer gezielt für Spitzenpositionen in den Unternehmen ausgebildet werden. Anhand von ausführlichen Case Studies, die oft tatsächliche Geschehnisse in der Unternehmenswelt nachzeichnen, lässt sich lernen, was gute und schlechte Führungsentscheidungen sind. So besteht das MBA-Studium an der berühmten Harvard Business School bis heute weit überwiegend aus Fallstudien, die mit der Realität in den Unternehmen vertraut machen sollen.
Womit noch einmal die Frage aus der Überschrift aufgeworfen wird: Lässt sich Leadership überhaupt lernen? Oder ist es ein angeborenes Talent? Eine Fähigkeit, die man eben hat oder nicht hat. Die man sich jedoch nicht „draufschaffen“ kann.
Die Meinungen dazu gehen auseinander. Nachdem es etliche wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die zeigen, welche Eigenschaften erfolgreiche Führungskräfte haben und wie sie sie in den jeweiligen Situationen einsetzen, gibt es zumindest einen gesicherten Bestand an Fähigkeiten, über die moderne Führungskräfte verfügen sollten.
Wie riesig dieses Spektrum ist, wurde bereits deutlich. Dass es fast übermenschlich wäre, sie alle zu erfüllen, ist auch klar. Zwar wird von einem erfolgreichen Leader nicht selten erwartet, dass er der finale Tausendsassa ist, der noch so knifflige Aufgaben und Situationen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen souverän meistert. Dass dies ein realitätsfernes Zerrbild ist, liegt auf der Hand.
Stattdessen dominieren in der Regel Führungsteams, treten oft auch noch Berater und Experten in Aktion, je komplexer und weitreichender die anstehenden Entscheidungen sind, desto mehr. Wenn alles gut geht, finden sie gemeinsam die optimale Lösung.
Trotzdem bedarf es einiger Fähigkeiten, ohne die es schwierig wird, in Führungspositionen dauerhaft zu bestehen. Die meisten, die an dieser Stelle in sich hineinhorchen und ehrlich mit sich sind, werden entsprechende Zeichen empfangen. Deuten diese an, dass man es versuchen kann, wenn man bereit ist, einiges zu lernen und sein Leben lang hinzuzulernen, könnte das der Startschuss sein. Dann bestehen gute Chancen, dass ein passender Studiengang und viel Praxiserfahrung schlummernde Leadership-Talente in einem zur Blüte bringen.
Prof. Eric Kearney von der Mannheim Business School meint, Leadership könne durchaus erlernt werden. Doch es müsse auch in der Praxis geübt werden. Mit Sicherheit wird daraus ein lebenslanger Lernprozess.
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