Studienreport Entrepreneurship

Auf los geht's los

Keine Frage: Entrepreneur zu sein klingt chic, aufregend, beinahe ein bisschen mystisch. Als der Begriff vor einigen Jahren auch in Deutschland aufkam, fragte sich mancher, was die wohl machen. Ein Blick ins französische Wörterbuch half. Entrepreneur bedeutet schlicht und einfach „Unternehmer“. Auch in den USA wurde es schnell hipp, von „Entrepreneurs“ zu sprechen, wobei die Amerikaner das Wort so schrecklich aussprechen, dass es Franzosen fast den Magen umdreht. Schlimmer noch: Wie die Amerikaner nun mal so sind, engten sie die Bedeutung des Wortes gleich noch selbstherrlich ein. Ein Entrepreneur ist nicht irgendein Unternehmer, sondern einer, der gerade eine Firma gründet.

Da die Amerikaner den Begriff etwa zu der Zeit kaperten, als das Silicon Valley in Schwung kam und man bei jedem zweiten lässigen Typ, der in Shorts und T-Shirt bei Starbucks abhing, automatisch davon ausging, dass er gerade ein Start-up anschob, wurde der Begriff zudem für junge Gründer reserviert. Denn zu 60-Jährigen, die noch schnell versuchen, Unternehmer zu werden, bevor sie in den Sonnenuntergang reiten, passt Entrepreneur irgendwie nicht so richtig.

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Deutschland, das gern englische, besser noch amerikanische Begriffe übernimmt — wer „storniert“ heute noch ein Flugticket, da man es doch auch „canceln“ kann — trapste auch hier folgsam hinterher. Nur Leute, die statt Computer unerbittlich „Rechner“ sagen, blieben meist beim altvertrauten „Gründer“.

Auch wer eine Pommes-Bude eröffnet, die 30. Coffee-Shop-Kette oder den 5.000. Online-Shop ins Leben ruft, ist natürlich ein Entrepreneur. Obwohl zu Pommes „einen Laden aufmachen“ irgendwie besser passt. Sei’s drum. Denn schließlich machten die Ur-Entrepreneure im Silicon Valley nicht mal einen Laden auf, sondern werkelten in der Garage ihrer Eltern vor sich hin. Nachdem sie abgefahrene Reifen rausgeräumt hatten, um Platz für einen Tisch zu schaffen, auf dem sie an Platinen rumschrauben konnten. Nicht nur bei Steve Jobs war das so. Auch Jeff Bezos packte die ersten Bücher in seiner Garage in Seattle und brachte sie danach eigenhändig zur Post. Mark Zuckerberg saß in seiner Harvard-Studentenbude, was auch in diese Kategorie fällt.

Dieses „from the scratch“ ist es, was einen wahren Entrepreneur ausmacht: Die Idee im eigenen Hirn ausbrüten, sie beim Pizzaessen mit einem vom Kellner ausgeliehenen Kugelschreiber auf eine Serviette kritzeln, sie in die Hosentasche stopfen, um sie gleich wieder zu vergessen. Bis man sie später zufällig wiederfindet und sagt: „Verflixt, ich glaube, ich sollte das wirklich versuchen. Außer einem verrosteten Auto, ein paar durchgelatschten Sneakers und zerfetzten Jeans kann ich sowieso nichts verlieren.“

Genau das ist der richtige Spirit. Dann ist es bis zur ersten Milliarde dank eines fulminanten Börsengangs ja nicht mehr weit. So klingt es zumindest bei den gern erzählten legendären Entrepreneur-Stories. Das mit dem Spirit stimmt zwar, doch dummerweise hat die Realität auch ein Wörtchen mitzureden. Und die folgt ihren eigenen Gesetzen. Eines davon lautet bis heute: Von zehn Start-ups gehen ungefähr neun in die Hose. Leider.

Doch lässt es sich nicht irgendwie verhindern, zu diesen neun zu gehören? Kann man Unternehmer/Gründer/Entrepeneur nicht studieren, damit man wenigstens die schlimmsten Anfängerfehler vermeidet? Wo man heute doch alles studieren kann, sogar „Underwater Basket Weaving“ — nein, natürlich nicht, ist nur ein Scherz.

Und klar: das geht. Wer mal ein bisschen googelt, wird erstaunt sein, wie viele Hochschulen Entrepreneurship oder Gründungsmanagement anbieten. Manchmal nur als Nebenfach zu einem regulären BWL-Studium, machmal auch als eigenständiger Bachelor- oder Masterstudiengang. Vor allem viele Privathochschulen haben sich auf das Thema gestürzt. Manche haben gleich noch eine Art Center for Entrepreneurship eingerichtet, das Gründungswilligen bei der Umsetzung ihrer Ideen hilft. Sei es, indem man sie mit anderen Gründern zusammenbringt, die schon ein paar Schritte weiter sind, oder mit gestandenen Unternehmern, die bereits vor vielen Jahren eine Firma aus dem Boden gestampft haben. Oft werden auch Kontakte zu Business Angels hergestellt, meist sind es pensionierte Manager, die bereit sind, ihr Know-how, insbesondere ihre Branchenkenntnisse, weiterzugeben. Nicht zuletzt werden auch Kontakte zu Investoren vermittelt. Das können besagte Business Angels sein, die nicht nur Rat, sondern gelegentlich auch Geld geben. Oder andere Privatleute, manchmal sogar Family Offices, oder auch Großunternehmen, die Kontakte zu Hochschulen pflegen, um frühzeitig zu erfahren, wo gerade interessante Ideen ausgebrütet werden, die sie gebrauchen könnten.

So ist in den letzten Jahren eine bunte Szene an den Hochschulen entstanden. Wobei sich die staatlichen Unis mehr auf die wissenschaftliche Erforschung des Unternehmertums konzentrieren und die praktische Unterstützung der Gründer in spe eher etwas nebenbei betreiben. Was auch damit zu tun hat, dass die dortigen Dozenten oft keine persönliche Erfahrung mit Unternehmensgründungen haben, während viele Dozenten an privaten Hochschulen, die das Fach unterrichten, bereits eine oder sogar mehrere Firmen gegründet haben. Oft ist das sogar Voraussetzung dafür, dass sie den Dozentenjob erhalten. Was im Übrigen dem Selbstverständnis der klassischen Fachhochschulen entspricht, auch wenn sich viele von ihnen heute „Hochschule“ nennen.

Es gibt also Hilfe — und zwar reichlich. Denn längst hat sich, selbst in der Politik, rumgesprochen, dass Unternehmer das Rückgrat des Kapitalismus — oder netter gesagt: der Marktwirtschaft — sind. Wohin es führt, wenn sie fehlen, konnte man in der Sowjetunion und in den osteuropäischen Ländern sehen, als dort der Kommunismus herrschte. Maos China ist auch ein abschreckendes Beispiel. Denn der Staat ist kein guter Unternehmerersatz. Auch im heutigen China nicht, wo es noch zehntausende Staatsfirmen gibt, die meist kräftig subventioniert werden müssen, wenn sie in Konkurrenz zu Privatunternehmen treten.

Die Erkenntnis, dass vor allem junge Unternehmer unterstützt werden müssen, drückt sich in zahllosen Initiativen aus, von günstigen staatlichen Krediten über die Beratung durch Industrie- und Handelskammern, zahllose Gründerwettbewerbe, speziellen Publikationen und vieles mehr. Dass Entrepreneure mittlerweile auch für TV-Spektakel gut sind, beweist die recht erfolgreiche Sendung „Die Höhle der Löwen“, die — obwohl für Show-Zwecke „dramatized“ — den einen oder anderen Zuschauer anregen mag, über eine eigene Geschäftsideen nachzudenken. Selbst wenn er sich damit nicht in die Löwenhöhle wagt, sondern sein Start-up dann ohne Show-Theater hochzieht.

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Das große Angebot der Hochschulen bedeutet offenbar auch, dass man wie selbstverständlich davon ausgeht, Unternehmer werden könne man lernen. Doch ist das wirklich so? Ein umstrittenes Thema. Neoklassische Wirtschaftstheoretiker werden sagen, „wenn der Homo oeconomis hier eine Verdienstmöglichkeit sieht, wird er sie wahrnehmen“. Doch so einfach ist es nicht. Denn eindeutig gehört viel mehr dazu. Nennen wir es einfach mal „die Psyche“: Ängstliche und vorsichtige Menschen dürften fast immer einen Angestelltenjob vorziehen. Er gibt einfach mehr Sicherheit, und die Karriere lässt sich besser planen. Schließlich hat man — schon jetzt oder später — eine Familie, die man nicht auf eine finanzielle Achterbahnfahrt schicken will. Denn eins ist klar: Sicher ist beim Entrepreneurtum nichts. Die Spannweite reicht vom reichsten Mann der Welt werden (Bezos) bis zur zugigen Ecke am Eingang einer Einkaufspassage, wo man mit dem Hut in der Hand auf milde Gaben hofft.

Ersteres ist aber genauso unwahrscheinlich wie Letzteres. Richtige Entrepreneure lernen nämlich aus ihren Fehlern. Sagt man zumindest. Manche sprechen sogar offen vor Publikum darüber, wie sie es versemmelten. Etwa bei den berühmten FuckedUp-Veranstaltungen.

Da bei dem ganzen Entrepreneur-Ding so viel so unsicher ist, gehen die meisten erst einmal in den Mal-Gucken-Mode. Sie studieren beispielsweise BWL und belegen als Nebenfach Unternehmensgründung. Oder sie sagen sich, wenn sie wirklich mal eine Firma gründen wollen, reichen dafür auch die guten alten BWL-Kernfächer.

Dichter dran am Gründen sind diejenigen, die einen speziellen Entrepreneurship-Studiengang absolvieren. Denn das macht man eigentlich nicht, um nur mal zu gucken. Doch auch jetzt gibt es noch mehrere Möglichkeiten. Man kann etwa hoffen, beim Studium Gleichgesinnte zu treffen, mit denen man den künftigen Weltkonzern gemeinsam aufbaut. Oder man will doch nicht Entrepreneur werden, aber später für ein Start-up arbeiten und helfen, es erfolgreich zu machen. Oder man geht später zu Venture Capitalists, die in Start-ups investieren. Consultingfirmen und Private-Equity-Firmen können auch als Arbeitgeber in Frage kommen. Und es gibt Großunternehmen, die sich „Intrapreneure“ halten, also Unternehmer im Unternehmen. Vielleicht haben die einen Job.

Wobei die Variante, dass man sich mit anderen zusammenschließt, die wahrscheinlichste sein dürfte. Sie können auch von anderswo stammen. Vielleicht sind es alte Schulfreunde oder Leute mit speziellem Wissen, die man auf anderen Wegen kennenlernt, etwa bei Entrepreneurkongressen, Seminaren oder bei einem Praktikum. Den Zufällen sind keine Grenzen gesetzt. Überhaupt wird allgemein geraten, den Sprung in die Selbständigkeit nicht unbedingt allein zu wagen. Ideal sind mehrere Gründer mit sich ergänzenden Kenntnissen und Fähigkeiten, die sich jedoch gut verstehen sollten und mit Konflikten umgehen können. Denn dass sich Gründerteams zerstreiten und dann zerbrechen, ist nicht selten.

Was sollte man nun von einem Entrepreneur-Studium erwarten? Eigentlich all das, was man braucht, um eine Firma zu gründen und zu managen. Wer sich das bereits von einem Bachelorstudium erhofft, sollte also unbedingt darauf achten, dass das Einmaleins der BWL mit dabei ist, bevor man sich gründungsspezifischen Themen wie etwa Marktanalysen oder Finanzierungsfragen zuwendet.

Denn als Gründer sollte man zumindest grundlegendes Wissen in Kostenrechnung, Organisation, Personal und Marketing haben. Etwas Rechtswissen, vor allem zum BGB und Gesellschaftsrecht, wäre auch nicht schlecht. Denn im Wirtschaftsleben tauchen mehr juristische Fragen auf, als man sich als Greenhorn vorstellt. Das fängt schon damit an, welche Rechtsform das künftige Unternehmen haben soll. Welche Rechte haben Geschäftsführer und die anderen Gesellschafter? Wofür und in welchem Umfang haften sie? Was sind die finanziellen Risiken? Auch arbeitsrechtliches Grundwissen ist gefragt, wenn man das erste Personal einstellt. Reine Betriebswirte haben da oft wenig Wissen. Dem Steuerrecht sollte man auch nicht ahnungslos gegenüberstehen. Welche Steuerarten gibt es, wie hoch ist die Belastung? Wie kann man sie gering halten? Natürlich gibt es Anwälte und Steuerberater, die helfen. Doch die kosten Geld. Und nur wenn man ein gewisses Grundlagenwissen hat, kann man ihnen die richtigen Fragen stellen und versteht ihre Antworten.

Marktanalysen sind wie gesagt wichtig. Und man sollte lernen, wie man ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt. Das alles fließt dann in einen Businessplan ein, nach dem Banken, Investoren und auch mögliche Partner fragen. Doch er darf nicht zum Evangelium werden. Denn Geschäftspläne können sich rasch ändern. Etwa weil man merkt, dass Annahmen, von denen man ausging, nicht zutreffen, weil sich das Geschäftsumfeld oder die Technologie verändert oder plötzlich Konkurrenz auftaucht, die mehr oder weniger das macht, was man selbst machen wollte.

Entrepreneure müssen also sehr flexibel sein. Nicht nur das: Kreativität, Steh- und Durchsetzungsvermögen und Frustrationstoleranz sind auch sehr gefragt. Und Resilienz? Wer die davor genannten Fähigkeiten hat, hat genug Widerstandskraft, denn genau das bedeutet dieses unnötige Modewort. Übrigens: Richtige Unternehmer stehen fest mit beiden Beinen auf dem Boden, womit sie sich nicht von windigen Modebegriffen irritieren lassen. Auch nicht vom neuesten Windei, wonach jedes Unternehmen einen „Purpose“ braucht. Wer hätte das gedacht!

Masterstudiengänge zu Entrepreneurship setzen oft schon BWL-Grundlagenwissen voraus, weshalb sie sich vor allem für diejenigen eignen, die bereits einen Bachelor in BWL, Wirtschaftsinformatik oder Wirtschaftsingenieurwesen haben. Dafür vermitteln sie noch mehr von den besonderen Fähigkeiten, die man als Jungunternehmer braucht. Beispielsweise strategisches Denken, Führungswissen und Mitarbeiterführung, Selbstmanagement und Kommunikationsfähigkeit, was also meist in Richtung Soft und Social Skills geht.

Ob Bachelor- oder Masterstudium — wichtig ist, dass man leibhaftige Unternehmer kennenlernt, junge und auch ältere, mit denen man sich austauchen kann. Die einem Tipps geben, vielleicht auch Mut machen und offen erzählen, wie sie selbst mit schwierigen Situationen umgegangen sind und Misserfolge und Enttäuschungen verarbeitet haben. Wie sie sich immer wieder selbst motiviert haben. Denn eins ist sicher: Einen gradlinigen Weg zum Erfolg gibt es fast nie. Vielleicht wäre das auch langweilig. Unternehmertum ist immer auch ein Abenteuer, was jedoch nicht bedeutet, dass man ein Hasardeur sein muss. Leidenschaft gehört auf jeden Fall dazu, Kopflosigkeit jedoch nicht.

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